Nächtens am Maran-Platz des alten Grado. Die Fassaden der alten Häuser drapiert mit riesigen Sträuchern blühender Oleander, außenseitige Steinstiegen und grüne Fensterbalken.

Der Platz führt in die gleichnamige Gasse, die durch das Licht einer alten Laterne erhellt wird. Es gleicht einer alten Theaterszene, in der von Biagio Marin Verse erklingen, mit welchem den Künstler Gianni Maran eine Beziehung der besonderen Hochachtung verbindet. Mio favelâ graisan / che senpre in cuor  me sona,  / fior in boca a gno mare, musicào da gno nona // tu tu me porti el vento / che passa pel palùo, / che ‘l sa de nalbe rosa / e púo de fango núo. // E tu me porti incòra / siroco largo in svolo, / e corcali a bandiera / comò i fior del gno brolo. Genießen wir die frische Brise des Abends vor der Gradeser Kunstgalerie sitzend. Giannis kahler Schädel glänzt wie der Kopf von Yul Brynner  mit Schnurbärtchen wie Pfeffer und Salz und Spitzbart, der das bekannte Bild von Lenin verblassen läßt.

Die Spuren von Maran gehen zurück auf die letzten Feuer, als das römische Aquileia von Attila zerstört wurde und viele Einwohner Aquileias auf der menschenleeren und bewaldeten Insel Zuflucht fanden.

Aus diesem Grund sind Platz und Gassen im historischen Kern der Stadt im Andenken an die antike Grösse und Nobilität benannt.

Der außergewöhnliche Geschichtserzähler Gianni Maran schafft es, im Zuhörer verborgene Elemente der Phantasie auftauchen zu lassen.

So scheint sich im Echo seiner Worte ein kolossales Gemälde von Domenico Someda zu realisieren mit Tönen und Klängen opernhafter Instrumentierung “Der Einfall der Hunnen”.

Ein kolossaler Film in Cinemaskop – so sagen wir heute – obwohl er von einem der schrecklichsten Invasionen inspiriert ist, die Friaul im 10 Jhd. erlitt, könnte auch die einfallenden Scharen der Hunnen in die alte Stadt Aussa darstellen: mit stürmenden Pferden und finsteren Kriegern unter bleiernen Himmel, mit düsteren Ländern und Steppen und Echo der in Brand gesteckten Stadt, wo der Chor aus der Ouvertüre von Verdi’s “Attila” wiederhallt. “Schreie, Raub, Klagen, Blut Schändungen, Verderben, Gemetzel und Feuer”.

Das ist das Spiel von Attila. Oder es ertönt die Stimme des Grafen in Versen des Schiffes von d’ Annunzio “Wende! Vorwärts, vorwärts, wende. Mit der Hilfe unseres Herrn Jesus Christus und dem heiligen Ermagora”.

Es tauchen die verschiedenen Betrachtungen des Griechen Elia, des Erbauers der Basilika von Santa Eufemia in der Dichtung des Titus Maniacco Patriarch im Nebel auf.

Gianni  erzählt von seinem Vater, der Fischer war und wollte, daß der Sohn sein Boot übernimmt und den alten Beruf der Familie fortführt und wie er dies seinem Vater  abschlägt, indem er sagt: “ Ich will Künstler werden“ und der Vater darauf trocken bemerkte:  ”Ich habe noch nie in der Stellenangeboten der Zeitung gelesen: “Künstler gesucht”. Aber am Ende gewann Gianni. Die Zeit einer nach Erfahrung gierigen Jugend, die Zusammenarbeit am Piccolo Teatro Triest mit dem Bühnenbildner  Sergio D’ Osmo und dem Regisseur Francesco Macedonio, die Aufführungen der Schauspieler am Piccolo Teatro Grado und die Zeit als Stranddirektor bis zur Entscheidung alles aufzugeben und nur noch als Maler tätig zu sein, das war sein wahrer Weg. So ergab sich das anschauliche Erzählen vom Meer und seine Werke haben die Galerien in Wien und Berlin erobert und im Sommer wird die Galerie von Grado von Italienern und Kunden aus ganz Mitteleuropa frequentiert.

In den Gemälden auf Leinwand oder Holz schwimmen  Fische wie Zeichen in einem Pentagramm mit fließenden Bewegungen in den flüssigen Bereichen Blau, Rot, Grün: “pesci votivi tutto guizzi“ um es mit einem Vers des neugriechischen Dichter Odysseus Elitis auszudrücken. Maran hat  Ί zu seiner persönlichen Note auserkoren. 

Der griechische Terminus verweist nicht nur auf das Agrosticon mit dem die ersten Christen Jesus Christus, Erlöser und Sohn Gottes bezeichnet haben, sondern erinnert auch an das Meer voller Fische, durchpflügt von Schiffen unter dem klangvollen Blasen des Windes während der Reise des Telemach auf der Suche nach dem Vater in Homers Odyssee …ώρτo d’έπì λìỵύς ούρ αήμεναi. ai dέ μáλωκα / εχθuòεντα κέλεuθα diέ

Schon der Künstler aus Pordenone Massimo Poldemengo hatte das Thema mit den Fischen behandelt, allerdings als “logo” poetisch, nur anspielend auf die primitiven christlichen Symbole, auf die Graffities in den Katakomben und somit mit stilisierter Schrift veraltete Bußzeichen.

Maran hingegen gibt eine festliche Bedeutung des Mysteriums. Der Fisch, der in dichten Schwärmen auf der blauen Leinwand dahingleitet (um noch einmal istae xe blu Maran mit seinem Dichter Biagio Marin sprechen zu lassen) oder hellblau ist oder von der Sonne vergoldet oder violet und feuerot vom Sonnenuntergang oder grün von den Algen oder Stürmen dahingleitet, wird zum Symbol eines Lebens-Regenbogens, eines bilderreichen mitreissenden Abenteurs im weiten Schoß des Meeres.

Ohne Meer – schrieb Lorenzo Viscidi-Blauer “ohne seine Weite und sein Mysterium, ohne seine Farben und seine Düfte, ohne Wind, der vom Meer kommt und ohne die Geschichten der Fischer würde Maran niemals der sein, der er  ist.

„Ich hörte den alten Mann des Meeres mit mir sprechen” scheint der Gradeser Künstler zu flüstern mit einem anderen griechischen Dichter des Novecento – George Seferis – ich bin dein Land: “niemand vielleicht, aber ich kann werden, was du willst”.

               Das Meer wird, wie Grado durch Biagio Marin, von Gianni Maran zum Modell des Universums auserwählt. Eine Totalität – bemerkte Pasolini über den Dichter – die auch der Maler durch Subtraktion schöpferisch erschafft, indem die Vielfalt der Welt reduziert wird auf wenige wesentliche Zeichen, auf reine und klare Farben und eine mönchshafte Einfachheit der Figuren. Man denke nur an das Acrylgemälde auf Holz “Der Wirbel des Glücks” in welchem Schwärme von Fischen, alle gleich wie Mosaike den Effekt eines gewundenen silbernen Drachenschweifs erziehlt, der auf der weiten Fläche funkelt. Die weißen Fische tanzen wirbelig in großen Kreisen und reisen in geordneten Reihen anders wohin. Das Mees inspiriert und ermuntert zu einer Reise.  “Wenn du dich auf eine Reise nach Ithaka aufmachst, mußt du dir wünschen, daß der Weg lang ist und voller Abenteuer und Erfahrungen……..”. Kostantins Karafis berümtes Gedicht durch den Maler ins Bildhafte übertragen in bunten Bändern als großes Acrylgemälde auf Holz mit weißen Flecken wie Schaumtropfen, überstrahlt von der vertikalen polychromen Lumeniszens wird dieses Werk das Leitmotiv zu den Reisen der Seele Giannis.

              Reisen, die “in die Tiefe des durchscheinenden Meeres führen – um nochmals Marin zu zitieren – cape sante a costole arcàe / cape lisse color spale brunàe, / cape spinose biondura insolente”.  Die Gräten krümmen sich in Bögen in einer Art der heiteren Vitalität. Und – um es nochmals mit dem Dichter zu sagen – auch wenn “le xe ‘ndae in frantumi / e pur xe incòra lumi / sora la sabia spenta e sita”. Ihre Entwicklung läuft im Rhythmus krummliniger Vereinigungen ab, wie in den Bodenmosaiken des Patriarchen Elia die den Anschein einer welligen Bewegung erzeugen.

              Die Vitalität der Gräten, rauh und spitz, aber mit den Köpfen sprechend und die groß aufgerissenen und neugierigen  Augen lassen uns an die archeologischen Überreste denken, die im Laufe der Jahre aus den unterirdischen Adern der Goldinsel zu Tage kamen, Reste die – wenn überhaupt auf Fragmente reduziert, oder a frantumi um es in gradeser Dialekt zu sagen – eine faszinierende, rätselhafte kommunikative Macht bewahren und zum Ausdruck bringen – wir können es als “die Seele der Zeit” definieren.

              Sie mimen geradezu die Abfälle der dargestellten Bankette in den Bodenmosaiken, die auf die Erde fallen gelassen wurden von den Tischgenossen.  Viele Sorten von Fischen und Weichtieren und ihre Stacheln, Köpfe und Gehäuse, aber  auch bloße Knochen, Köpfe und Füsse von Hähnen und Hühnern, entkernte Weintrauben, Melonenstücke, Nüsse, Äpfel, leere Schoten, Schalen, Strünke von Gemüse, Schnittblumen, trockene Blätter, Weinrebschößlinge, wie es ein Mosaik im archeologischen Museum von Aquileia darstellt.

              Fischgräten, Stimmen die noch fähig sind zu flüstern sind von Maran geschaffene Gemälde. In Erinnerung kommen die Reste alter Lastkähne, die in der Lagune im Schlamm gestrandet sind auf ihrer Fahrt von Grado nach Barbana, die Rippen der vermoderten Schiffsbeplankung “zerbrochenes Mastwerk – nochmals zitiert aus dem Gedicht von Seferis – fluttuanti sbieche sul fondo, come tentacoli / o memorie di sogno, indicando lo scafo, / bocca opaca d’un gran cetaceo morto / spenta nell’acqua” von welchem sich allerdings Stimmen erheben, leises Flüstern, gieriges Säuseln auftauchend von der anderen Seite der Sonne aus der Finsternis. Und der “Körper des Sommers” zerfließt in vertikalen Streifen blau und schwarz, weiß, gelbgrün, rot, türkis wie die Auflösung einer Vision. Und im “Auf Wiedersehen Bruder Meer” zwischen horizontalen Streifen eingeflochten mit Farbe und Kursivschrift wird es wie eine von einem geheimen Tagebuch herausgerissene Seite erscheinen – die lyrischen Verse “mi porto un po’ della tua ghiaia / un po’ del tuo sale azzurro / un po’ della tua infinità e un pochino della tua luce e della tua infelicità / Ci hai saputo dir molte cose / sul tuo destino di mare /  eccoci con un po’ più di speranza / eccoci con un po’ più di saggezza / e ce ne andiamo come siamo venuti / arrivederci fratello mare”. Und Fische in Keramik und blauem Email entsteigen der Leinwand, nehmen Gestalt und Plastizität an und schwärmen  in den realen Raum hinein.

Periodisch widmet sich Maran auch der Bildhauerei und es sind wieder die Meeresmythen, welche die weiblichen Figuren in Keramik und dunklem  Email inspirieren, länglich, gewunden und elegant wie Mannequins in der Serie mit dem Titel Vanità (Eitelkeit) und die fadenförmigen zweideutigen “Agane” in Keramik, Bronze und Email gelb gesprenkelt und Kobaltblau, die wie Produktionen der Glasbläsereien von Murano aussehen. Und weiters die „Bagnante“ mit Hut und langem ausgeschnittenem Kleid und der “Poseidon” der auftaucht golden angestrahlt  mit blau abfließenden Wasser bis zur Gürtellinie. Weiters “die Göttin des Meeres”, und die “Göttin des Windes”, die sich selbst  aufzulösen scheint und “der Bacchus” in Keramik, milchigem Email mit einem um den Kopf gewickelten goldenen Schal, der über den Nacken und Brust herunterhängt, der in raffinierter Weise Zeitgenössisches und Erinnerung an das weit zurückliegende klassiche Zeitalter verknüpft. Die Keramik des “Mars” ist überzogen von einer Glasur in antiker Nußfarbe . Der “Krieger” in rot, golden, blau erinnert an Maya- oder Azteken- Abgötter.

Man könnte fast denken, daß die polychrome Ansammlung der Fische in unbewußter Weise zu antiken Gradeser Traditionen hinführt, zu den eindringlichen Rhythmen der Volkslieder, die bei religiösen Zeremonien gesungen werden und zu dem Geruch der Basilika verbergend geheimnisvolle Berichte mit der orgiastischen Zügellosigkeit des sabo grando der vorrausgeht, unter Gesängen und fröhlichen Zechereien, der Sonntag del Perdon, des Sündenablasses während die Statue der Madonna in einer Schiffsprozession geführt wird, die Barken geschmückt mit Hortensien, Bannern und leuchtenden großen Flaggen auf den Fischerbooten bis zur Wallfahrtskirche von Barbana und unter dem Grün der Bäume  verehrt wird durch die heilige Messe. Eine Begegnung zwischen der Jungfrau und dem Meer, die vielleicht zurückgeht auf heidnische Wurzeln.

Wie können wir vergessen die Prozession entlang des Lido mit den in die Mysterien Eingeweihten, mit dem Bildnis der Isis, geschmückt mit einer Rosenkrone, wie  von Apuleios erzählt in seinem Buch “Die Metamorphosen”.  “Oh Königin des Himmels , Schöpferin aller Felderträge”. So beginnt das Gebet des Lucius, der  Hauptperson des Romans, der in einen goldenen Esel  verwandelt worden war. Die Nabelschnur, die Gianni Maran und Grado verbindet, findet eine weitere dichterische Bestätigung in dem Kurzfilm “Ala de Vita”, von ihm geschrieben und inszeniert und produziert von Arte Video di Palmanova. Der Film artikuliert sich durch Nahaufnahmen und besonders inspiriert von Biagio Marin. Faltige Hände von Fischern und alten Frauen sind Protagonisten. Da gibt es weiter Hände eines Tischlers, der  in der Werft die Bretter sägt für die Planken eines im Bau befindlichen Schiffes, die Hände eines  Kalfaterers, der mit Werg die Spalten zwischen den Planken des Schiffsrumpfes zustopft und mit Teer bestreicht, um sie wasserdicht zu machen. Hände, die Brot brechen, Wein in Gläser einschenken, Fischernetze flicken, Schilf für die Casonis in der Lagune  bündeln, Hände, die rudern, die Ausbeute des Fischfangs in Weidenkörbe sammeln, die Fische schuppen, die Fische ausnehmen und putzen. Frauenhände, die brodetto, die berühmte Gradeser Fischsuppe zubereiten, die Polenta kochen und auf ein Holzbrett stürzen, Hände, die den Kopf eines Kindes streicheln, die Pullover stricken; Jägerhände auf hemingwayischer Treibjagd auf Wasserhühner in der Lagune, Hände des Priesters, der Weihrauch in den Weihrauchkessel einfüllt, den Kelch auf den Altar positioniert und das Messgewand für die Messfeier anzieht (Me amo la to ciesa grande Elia / pel so silensio e per la so frescura; /  là drento quele mura / colone ed archi dilata l’unbrìa).

Es gibt keine Gesichter, weder aus Bildausschnitten noch auf Aufnahmen im Gegenlicht, die zu erkennen wären.   Das Wesen der Menschen offenbart sich in den Objekten und in der Aura der Örtlichkeiten.

Die intensive und einprägsame Ausdruckskraft der Photographie in Schwarz-Weiß von Nino Gaddi scheinen geradezu die Gerüche des Holzes und des Teers in der Werft und die Düfte der kärglichen aber wohlschmeckenden Speisen, des Weirauches in der Kirche und des Salzgehaltes in der Luft ausströmen zu lassen.

Der rote Faden zwischen verschiedenen Episoden des Kurzfilms besteht aus einer Möwe, die den Sandstrand überfliegt, aus den Wogen des Gewässers in der Lagune, der Insel Barbana und den kleineren Inselchen und dem historischen Zentrum von Grado. “Bocon amaro condìo de sal / tolto dal mar al fondo / tra sighi lamentosi d’un cocal…”